Geschichte

Kurzer Abriss der Geschichte des Russischunterrichts und des Russischlehrerverbands in Niedersachsen
von Wolfgang Steinbrecht


Die Entstehung eines Fachverbandes von Lehrern hängt mit dem entstehenden Unterricht in diesem Fach zusammen. Man könnte fragen: Was war zuerst da, die Russischschüler oder der Fachverband der Russischlehrer?

In diesem Fall waren es die Russischschüler. Der Russischunterricht in Niedersachsen war zunächst eine Folge der deutschen Teilung nach 1945 und gleichermaßen der deutschen Zusammengehörigkeit, die sich in einer Wanderungsbewegung von Ost nach West äußerte. Aus dem anfangs sowjetische Besatzungszone, später DDR genannten östlichen Teil Deutschlands kamen nach Niedersachsen, wie in den Westen überhaupt, Eltern mit schulpflichtigen Kindern, die Russisch als ersten Fremdsprache mitbrachten und nun mit dieser Vorgabe beschult werden mussten. Der Russischunterricht war also in seinen Ursprüngen ein Importartikel. In Niedersachsen blühten damals – ein wenig im Verborgenen – kleine Sonderkurse mit Russisch für Aussiedler und Flüchtlinge, und wo die Schülerzahl für einen Kurs nicht reichte, musste der baltische Zahnarzt um die Ecke oder irgend ein anderer zufälliger Russischkundiger einzelne Schüler betreuen. Hier und da entstand auch schon Russisch als Wahlsprache ab Klasse 9 oder in Arbeitsgemeinschaften für niedersächsische Schüler. Die Didaktik war unterentwickelt, moderne Lehrmittel waren nicht in Sicht.

Dieser für die fünfziger Jahre charakteristische Zustand war für die mit dem Russischen befassten Lehrer nicht zufriedenstellend. Es entstand das Bedürfnis, die Kräfte zu bündeln und den Russischunterricht langfristig auf solidere Beine zu stellen. Dieses Bedürfnis führte gegen Ende der fünfziger Jahre zur Gründung von Russischlehrerverbänden – eines Bundesverbandes und verschiedener Landesverbände, unter anderem in Niedersachsen.

Für Niedersachsen wurde bei der Gründung ein bescheidener Name gewählt: Arbeitsgruppe der Russischlehrer und Slawisten in Niedersachsen, die „AGRUS“. Erst in den siebziger Jahren erfolgte die Umbenennung in „Fachverband“. Zu den Gründern gehörte, wer damals laufen konnte, die Lehrerdecke war mehr als dünn – einige Baltendeutsche, exilierte Russinnen, die deutsche Männer geheiratet hatten, einige andere Lehrerinnen und Lehrer, die nach dem Zufallsprinzip, auch durch eine „ostzonale“ Vergangenheit, an das Russische geraten waren, schließlich als liebenswerte Zugabe ein pensionierter Musiker, der wegen seiner ostpreußischen Herkunft das Russische liebte und pflegte und aus dem Verbandsleben nicht wegzudenken war.

Der Typ des Russischunterrichts, der durch Flüchtlinge vorgegeben war, endete ziemlich abrupt mit dem Mauerbau in Berlin im Jahre 1961. Plötzlich war es mit dem Zufluss aus dem Osten vorbei, und Niedersachsen stand vor der Frage, ob es nun nicht an der Zeit sei, für Russischschüler aus dem eigenen Bevölkerungspotential zu sorgen. Sowohl in der Bevölkerung als auch im niedersächsischen Kultusministerium war die Stimmung für einen solchen Versuch positiv. Zwischen den beiden Varianten Russisch als zweite oder dritte Fremdsprache fiel die Entscheidung schnell und eindeutig für Russisch als zweite Fremdsprache als tragende Basis – zunächst ab 1963 als „Schulversuch“ in Hannover, Braunschweig und Oldenburg, dann mit einer zügigen und stetigen Ausweitung.

Russisch als zweite Fremdsprache bedeutete, dass das Fach gegen Ende der sechziger Jahre auch in die gymnasialen Oberstufe aufrückte und dort Literaturunterricht betrieben werden musste. Für die Lehrer war all das eine große Herausforderung, und der Russischlehrerverband sorgte dafür, dass diese Herausforderung bewältigt wurde. In regelmäßigen Abständen fanden Fortbildungsveranstaltungen statt, auf denen alle denkbaren didaktischen Probleme zur Sprache kamen: die Verfahren in der Lehrbuchphase, Textinterpretation, Leistungsmessung, Korrektur und Bewertung, Abitur und vieles mehr. Das Ziel war, das Russische trotz seiner „lateinischen“ Grammatik als moderne Fremdsprache zu etablieren.

Daneben wurden die bis heute laufenden jährlichen „Russisch-Olympiaden“ eingeführt. Fand die Fortbildung der Lehrer in einer Symbiose von Russischlehrerverband und Dienstaufsichtsbehörden statt, so waren die Olympiaden ein Unternehmen ausschließlich des Russischlehrerverbandes – von diesem in eigener Regie organisiert und finanziert.

Die siebziger Jahre waren ein Jahrzehnt der Schulreformen. Es wurde die schulformunabhängige Orientierungsstufe und die reformierte Oberstufe eingeführt. Der Russischunterricht geriet dadurch in schwere See. Sein Lebenselixier war Konsolidierung und nicht Reformen mit neuen und komplizierten Schulformen. Vertreter des Russischlehrerverbandes haben damals in allen Gremien mitgearbeitet, um die Belange ihres Faches zu wahren. Es zeichnete sich ab, dass die Zeiten der kontinuierlichen Expansion nie wiederkehren würden, dass die Substanzwahrung schwierig genug werden würde.

Sie wurde in den folgenden Jahrzehnten vor allem auch dadurch schwierig, dass große Zahlen von Aussiedlern, bald auch von sogenannten Kontingentflüchtlingen (russischen Juden), die Russischklassen und –kurse überschwemmten. Waren anfangs unter ihnen noch viele Aussiedler aus Polen, so dominierten an manchen Schulen bald die russischen Muttersprachler, was völlig neuartige didaktische Probleme aufwarf. Der Russischlehrerverband hat sich auch dieser Herausforderung gestellt.

Der Russischunterricht in Niedersachsen existiert, es findet Schüleraustausch mit Russland statt, rund ein halbes Jahrhundert lebendige Praxis hat ihn in den niedersächsischen Schulen verankert. Dennoch befindet er sich in einer Stellung verhaltenen Wartens – Warten darauf, dass in Russland endlich der Reformprozess Konturen gewinnt und dass Russland nicht nur als militärische Großmacht respektiert wird, sondern zu Formen einer zivilisierten Volkswirtschaft findet. Ehe ein neuer großer Anlauf für den Russischunterricht in Niedersachsen möglich wird, müssen erst die „Geschäftsbedingungen“ im Lande der Zielsprache stimmen.


Anmerkung der Redaktion: Wolfgang Steinbrecht war Mitbegründer und jahrelanger 1. Vorsitzender des Fachverbandes der Russischlehrer. Bis 1978 förderte er als Landesfachberater die Entwicklung des Russischen in Niedersachsen entscheidend. Als Russischlehrer an der Goetheschule Hannover und Fachleiter für Russisch am Studienseminar Hannover II ging er 1992 in den Ruhestand. Er ist Autor des Lehrwerks "Russisch heute", Mitherausgeber einer Oberstufen-Lektürereihe und Verfasser zahlreicher Schriften zur Methodik des Russischunterrichts, darunter des auch heute noch höchst aktuellen Bands "Kleines 1 x 1 des Russischunterrichts".